[Arbeitstitel] „Haltung“ im Lehrerinnen- und Lehrerberuf. Diskursanalytische Rekonstruktionen zur Tradition und Konjunktur eines schillernden Begriffs.
Grunddaten zum Promotionsverfahren
Promotionsverfahren erfolgt(e) an: Promotionsverfahren an der Universität Münster
Zeitraum: seit 01.01.2021
Status: laufend
Promovend*in: Gensler, Anna Friederike
Promotionsfach: Erziehungswissenschaft
Abschlussgrad: Dr. phil.
Form der Dissertationsschrift: monographisch
Verleihender Fachbereich: Fachbereich 06 - Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften
Betreuer*innen: Rothland, Martin
Beschreibung
Von (angehenden) Lehrkräften wird u.a. in den Standards für die Lehrer:innenbildung erwartet, dass sie vor dem Hintergrund ihres Erziehungsauftrags eine „Haltung der Wertschätzung“ entwickeln (KMK, 2022, S. 3), die sie zum Umgang mit menschenrechtsrelevanten Themen wie dem Kinderschutz (KMK, 2023) oder dem Abbau von Bildungsbenachteiligung und Diskriminierungspraktiken (KMK, 2021) befähigt. Das normativ aufgeladene Konstrukt der „richtigen“ Haltung von Lehrer:innen wird ebenso im erziehungswissenschaftlichen Diskurs verhandelt, in dem die pädagogische Haltung mitunter als „conditio sine qua non jeder Handlung einer Lehrperson“ (Bernhard, 2019, S. 70) ausgewiesen wird. Aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven wird den Haltungen von Lehrpersonen eine entscheidende Bedeutung etwa als Voraussetzung für pädagogische Professionalität (z.B. Karakaşoğlu, 2021; Schwer & Solzbacher, 2014), als Teil der professionellen Handlungskompetenz (Baumert & Kunter, 2006) und als Basis eines pädagogischen Berufsethos (Oser, 1998; Döring, 1990; Drahmann et al., 2019; Brinkmann & Rödel, 2021) oder beruflichen Habitus (Kramer, 2019; Bernhard, 2019) zugeschrieben. Wird die Haltung von Lehrpersonen adressiert, dann erfolgt dies mit vielfältigen weiteren thematischen Bezügen etwa auf Werte oder Werthaltungen im Lehrer:innenberuf (Drahmann et al., 2019), die Persönlichkeit (Hanfstingl, 2019; Meidlinger & Frink, 2020) oder die Selbstkompetenzen von Lehrer:innen (Kuhl et al., 2014). Der uneingeschränkt hohen Bedeutungszuschreibung steht allerdings eine höchst uneindeutige Begriffsbestimmung gegenüber. Zudem werden Haltungen in den überwiegend konzeptionellen Veröffentlichungen in Beziehung zu anderen bekannten erziehungswissenschaftlichen und psychologischen Konstrukten bzw. Themen gesetzt, ohne dass eine eindeutige Verhältnisbestimmung der Konstrukte nachvollziehbar wäre: Während die Haltung der Lehrperson in einer Perspektive neben Kompetenz unter dem Label der pädagogischen Expertise als eigenständiges Konzept benannt wird (Zierer et al., 2019), wird sie in anderen Betrachtungsweisen wiederum alserlernbare Kompetenz (Kuhl et al., 2014) oder alternativ als relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal diskutiert (Drahmann et al., 2019). Die Kennzeichnungen als professionelle, pädagogische oder diversitätssensible Haltung schaffen dabei höchstens eine thematische Einordnung, jedoch wenig Klarheit darüber, auf welchen Komponenten oder Konstrukten Haltungen von Lehrer:innen basieren (sollten). Das Spezifische oder das Charakteristische am Haltungsbegriff sowie dessen Positionierung im Feld anderer Begriffe wie „Überzeugungen“ und „Einstellungen“ bleibt ungeklärt. Aus dem ersten Einblick in den Diskurs lassen sich offene Fragen ableiten. Zu klären wäre, für was der Haltungsdiskurs steht und welchen Stellenwert sowie welche Funktion er für den Lehrer:innenberuf und die Lehrer:innenbildung einnimmt. Um die Funktionalität des Begriffes und des damit verbundenen Diskurses zu rekonstruieren, bedarf es einer Analyse der Diskurslogik, in der die diskursiven Strukturen und Begründungszusammenhänge ermittelt werden, anhand derer sich der Diskurs konstituiert. Im Beitrag zum Thementeil werden vor dem skizzierten Hintergrund die Ergebnisse einer Kritischen Diskursanalyse (Jäger, 2015) präsentiert. Der Untersuchungskorpus umfasst n = 57 deutschsprachige, wissenschaftliche Publikationen aus den Jahren 2004 bis 2023, die Haltungen von Lehrpersonen explizit und mit konkretem Bezug auf den Lehrer:innenberuf thematisieren. Im Rahmen der Strukturanalyse werden die Korpustexte anhand vorab definierter Analysekategorien ausgewertet. Diese umfassen deduktive, diskursanalytische Aspekte (z.B. die Identifikation von Diskurspositionen, diskursiven Verschränkungen und inhaltlich-ideologischen Aussagen) sowie weitere deduktiv gebildete Kategorien, die sich aus dem Erkenntnisinteresse ableiten (z. B. Definitionen und Bedeutungszuschreibungen des Begriffs „Haltung“, Referenzkonstrukte und Problematisierungen im schulpädagogischen Diskurs). Ausgewählte Textsequenzen, die sich im Verlauf der Strukturanalyse als allgemein für den Diskurs stehend identifizieren ließen, werden im zweiten Analyseschritt einer Feinanalyse unterzogen. Die innerhalb beider Analysevorgänge ermittelten Strukturen, Programmatiken und Funktionen des Diskurses werden in der abschließenden Gesamtanalyse zusammengeführt.
Promovend*in an der Universität Münster
| Gensler, Anna Friederike | Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik: Inklusive Bildung (Prof. Urton) |
Betreuung an der Universität Münster
| Rothland, Martin | Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik und Unterrichtsforschung (Prof. Rothland) |
| Urton, Karolina | Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik: Inklusive Bildung (Prof. Urton) |
Begutachtung an der Universität Münster
| Rothland, Martin | Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik und Unterrichtsforschung (Prof. Rothland) |
| Urton, Karolina | Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik: Inklusive Bildung (Prof. Urton) |