Khorchide, Mouhanad; Şenel, Abdulkerim; Wellems, Luisa
Project reportDieser Bericht zur wissenschaftlichen Evaluierung des islamischen Religionsunterrichts (IRU) in Nordrhein-Westfalen präsentiert Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung, die sowohl quantitative als auch qualitative Erhebungsverfahren umfasst. Ziel der Evaluation ist es, den Zusammenhang zwischen dem IRU und der religiösen Identitätsentwicklung der teilnehmenden Schüler*innen sowie die Unterrichtspraxis und -wahrnehmung der Lehrkräfte zu analysieren. Durch die Einbindung weiterer Gruppen – Schulleitungen, Fachleitungen, Eltern sowie Mitgliedern der Kommission für den IRU – konnten zudem institutionelle, pädagogische und familiäre Bezugsebenen berücksichtigt und der IRU in seinem sozialen, organisatorischen und bildungspolitischen Kontext verortet werden. Dabei sollen zentrale Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des IRU gewonnen werden, um die Professionalisierung des Faches gezielt voranzutreiben und Impulse für dessen bildungspolitische und praxisorientierte Ausgestaltung zu liefern. Die Untersuchung erfolgt entlang der vier Dimensionen Schüler*innen, Lehrkräfte, Fachlichkeit und Schulkultur. Im Rahmen der Evaluation wurden zunächst 353 Schüler*innen und 60 Lehrkräften mittels Fragebögen befragt. Die quantitative Erhebung liefert Daten zu den Erfahrungen der Schüler*innen mit dem IRU, zu ihrer Religionsmündigkeit – als der „begründete[n] Urteilsfähigkeit der Heranwachsenden über die Angelegenheiten, die sie selbst, ihre Umwelt und vor allem aber auch die Angelegenheiten des Glaubens und der Religion betreffen“ (Könemann, 2020) – und den Faktoren, die mit Religionsmündigkeit in Zusammenhang stehen. In einem zweiten Schritt wurden Interviews mit Schüler*innen, Lehrkräften, Schulleitungen, Fachleitungen, Eltern sowie Mitgliedern der Kommission für den IRU1 geführt. Diese qualitativen Interviews dienen dazu, die Erkenntnisse des Fragebogens zu vertiefen, indem sie Wahrnehmungen und Erfahrungen der Befragten im Schulkontext sowie die fachliche und didaktische Praxis des IRU untersuchen. 1 Siehe unter: https://www.schulministerium.nrw/system/files/media/document/file/informationen_kommission_iru_januar_2026.pdf. 7 Die Befunde zeigen, dass der IRU von der Mehrzahl der befragten Schüler*innen als alltagsrelevant, motivierend und zufriedenstellend wahrgenommen wird. Zudem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass eine längere Teilnahme am IRU mit einer gesteigerten Religionsmündigkeit einhergeht, während ein instruktionstheoretisches Religionsverständnis abnimmt. Ein zentraler Einflussfaktor für die Entwicklung von Religionsmündigkeit ist das Vertrauen der Schüler*innen in die fachliche Expertise und die theologische Positionalität der Lehrkraft2. Der positive Zusammenhang zwischen der Anzahl besuchter Schuljahre im IRU und der Religionsmündigkeit wird signifikant verstärkt, wenn die Schüler*innen ihrer Lehrkraft in religiösen Fachfragen ein hohes Maß an Vertrauen entgegenbringen. Neben den Schüler*innen äußern auch die weiteren befragten Akteursgruppen (Lehrkräfte, Schulleitungen, Fachleitungen, Eltern sowie die Mitglieder der Kommission für den IRU) überwiegend eine positive Grundhaltung gegenüber dem IRU. Sie betonen den hohen pädagogischen und gesellschaftlichen Stellenwert des Faches und sehen darin ein wesentliches „Potenzial zur Identitätsentwicklung junger Muslim*innen“. Der IRU wird als Raum wahrgenommen, in dem Schüler*innen lernen können, ihren Glauben reflektiert, verantwortungsbewusst und im Einklang mit demokratischen Werten zu leben. Mehrere Befragte heben hervor, dass das Fach einen wichtigen Beitrag dazu leistet, Orientierungswissen und religiöse Sprachfähigkeit zu fördern, Kompetenzen, die gerade in einer pluralen Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Zugleich wird der IRU als pädagogische Gegenkraft zu einseitigen oder extremistischen Deutungen in sozialen Medien verstanden. In einer medial hochdynamischen Umwelt bietet er jungen Muslim*innen die Möglichkeit, sich mit religiösen Fragen im geschützten Rahmen eines dialogorientierten Unterrichts auseinanderzusetzen. Der IRU kann damit eine alternative Bezugsquelle religiöser Bildung und Autorität darstellen, die auf theologisch fundierter Reflexion statt auf populistischen Narrativen basiert. Vereinzelt wurden jedoch auch kritische Anfragen geäußert, insbesondere im Hinblick auf die institutionellen Ansprechpartner und die Repräsentativität muslimischer Verbände, die den IRU auf Landesebene mitverantworten. Einige Befragte hinterfragen, inwieweit diese Organisationen die religiöse und kulturelle Vielfalt der muslimischen Gemeinschaft in NRW tatsächlich abbilden. Diese Rückmeldungen unterstreichen die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung dialogischer und inklusiver Strukturen, um den Anspruch des IRU als gesamtgesellschaftlich relevantes und breit verankertes Bildungsangebot dauerhaft zu sichern. Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft den Einfluss von Social-Media-Inhalten, die von Schüler*innen konsumiert werden – insbesondere auf Plattformen wie TikTok. Ein hoher Konsum bestimmter Inhalte steht in einem signifikanten Zusammenhang mit regressiven religiösen Überzeugungen. Dies kann jedoch durch eine längere Teilnahme am IRU abgeschwächt werden. Darüber hinaus zeigt sich, dass der IRU ein breites Spektrum an Inhalten und Kompetenzen vermittelt, die im Kernlehrplan verankert sind, und einen positiven Einfluss auf die Pluralitätsfähigkeit der Schüler*innen hat. Zudem befassen sich die Schüler*innen im IRU mit alltagsrelevanten Themen, die auch eine Reflexion religiöser Fragen im Hinblick auf eine muslimische Identität in Deutschland einschließen. Die Lehrkräfte nehmen dabei eine zentrale Mittlerrolle ein, indem sie ihre theologischen und interkulturellen Kompetenzen sowie ihre pädagogische Expertise nutzen, um Schüler*innen bei der Bewältigung von Herausforderungen und Konflikten im Schulalltag zu unterstützen. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer flächendeckenden Einführung des IRU an allen Schulformen mit entsprechender Unterstützung in Bezug auf Personal, Curriculum und Organisation. Ein stärkerer Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen wie Gendergerechtigkeit und Antisemitismusprävention sowie die Förderung von Medienkompetenzen sind für die Weiterentwicklung des Faches entscheidend. Zudem wird die Notwendigkeit einer verstärkten Fortbildung von Lehrkräften hervorgehoben, insbesondere auch in Bezug auf interreligiöse Dialogkompetenz.
| Khorchide, Mouhanad | Center for Islamic Theology (ZIT) |
| Şenel, Abdulkerim | Center for Islamic Theology (ZIT) |
| Wellems, Luisa | FB01 - Faculty of Protestant Theology (FB01) |