Indonesien, das Land mit der zahlreichsten muslimischen Bevölkerung weltweit, gibt seit seiner Unabhängigkeit einer Pluralität von Religionen auf demokratischem Fundament Raum. Im Unterschied zu anderen mehrheitlich muslimischen Ländern hat der Islam in Indonesien der Verfassung nach keinen Vorrang vor den anderen staatlich anerkannten Weltreligionen. Und im Unterschied zu europäischen Kontexten ist die indonesische Gesellschaft im wesentlichen als eine religiöse zu beschreiben. Dies wird in vielen Vollzügen im öffentlichen Leben sichtbar und entspricht dem eigenen Selbstverständnis der indonesischen Gesellschaft. Die Pancasila in der Präambel der indonesischen Verfassung ist die weltanschauliche Grundlage für das Nebeneinander mehrerer großer Weltreligionen in Indonesien. Die erste der fünf Säulen der Pancasila: „Ketuhanan Yang Maha Esa“ (Glaube an die All-Eine Göttlichkeit) gilt als integratives Denkmodell einer pluralen Gesellschaft, die sich selbst als eine religiöse versteht. Damit versucht das indonesische Modell, religiöse Pluralität in Staat und Gesellschaft weder durch weltanschauliche Neutralität noch durch allein formale politische Verfahren zu integrieren, sondern durch einen religiösen Bezugspunkt, der jedoch die konkreten Religionen übersteigt. Die Untersuchung der Implikationen und Konsequenzen dieses Modells aus einem außereuropäischen Kontext würde zu Forschungsfeld C des Exzellenzclusters „Integrative Verfahren“ beitragen. Das Forschungsprojekt soll die Auswirkungen dieses Modells auf Religion und Politik in der indonesischen Gesellschaft untersuchen. Aus Sicht der europäischen Diskussionslage ist das indonesische Modell von besonderem Interesse, weil es religiöse Pluralität anders strukturiert und integriert als es in der europäischen Moderne üblich ist. Für die europäische Diskussionslage mag es zudem hilfreich sein, einen Blick auf eine Verhältnisbestimmung von Religion und Politik zu werfen, die unter den Vorzeichen einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft steht, jedoch den verbreiteten Vorurteilen nicht entspricht.
| Großhans, Hans-Peter | Professur für Systematische Theologie (Prof. Großhans) |
| Großhans, Hans-Peter | Professur für Systematische Theologie (Prof. Großhans) |
| Sinn, Simone | Cluster of Excellence "Religion and Politics" |