Marej, Katarina; Philipp, Thorsten
Forschungsartikel (Buchbeitrag) | Peer reviewedKommunikative Prozesse zeichnen in der einen oder anderen Form alle Lebewesen aus – doch das Erfinden, Erzählen und Teilen von Geschichten trägt unzweifelhaft menschliche Züge: Menschen sind „storytelling animals“ (Gottschall 2013). Jede*r von uns erzählt und rezipiert Geschichten unentwegt – an wandelnden Schauplätzen, mit wechselnden Figuren und vor immer neuem Publikum. Narrative Schilderungen dienen keineswegs nur der Unterhaltung. Ihre Funktionen sind vielfältig und reichen von der Bewältigung und Aneignung von Vergangenem über die Konstruktion von Selbst- und Weltbildern in Gegenwart und Zukunft, Techniken der Vereinfachung und Rechtfertigung, bis hin zur (Neu-)Aushandlung von Beziehungen, Macht und Hierarchien. Es geht nicht nur um Privates: Auf dem Spiel steht die Fähigkeit, Umwelten und Gesellschaften zu gestalten. Dazu bedarf es Wissen und Kreativität – doch woher stammen dieses Wissen und die Bereitschaft zur Veränderung? Während argumentative Paradigmen auf rationale Vernunft und Einsicht setzen, betonen narrative Ansätze die Wirkmächtigkeit von Geschichten, mit deren Hilfe wir uns selbst, andere Menschen und die Welt um uns herum zu begreifen (Fisher 1984; Bruner 2002). Dieser narrative Zugang überzeugt keineswegs nur durch seine überprüfbare Alltagsplausibilität; er verweist zusätzlich darauf, dass selbst das Projekt der Aufklärung und unser Selbstbild als rationale Wesen im tiefsten Kern Erzählungen sind (Berndt/Fulda 2021) – und dass diese Wesensart ihre Wirkmächtigkeit steigert. Um die gesellschaftsgestaltenden Potenziale im Hinblick auf die Zukunftsperspektive einer nachhaltigen Entwicklung zu untersuchen, betrachtet der folgende Artikel Storytelling als kulturübergreifende, transdisziplinäre Praxis der Wissensproduktion und prüft ihre kommunikative Eignung zur Bearbeitung transformativer Herausforderungen. Der Fokus liegt auf Geschichten, die von der Wissenschaft ausgehen und dem Ziel der „Großen Transformation“ (Polanyi 2010) und den in sich vielfältigen und spannungsvollen normativen Postulaten nachhaltiger Entwicklung verschrieben sind. Vor diesem Hintergrund werden sowohl Aspekte der Wissenschafts- und Nachhaltigkeitskommunikation inner- und außerhalb der Universitäten in die Überlegungen einbezogen als auch Aspekte der didaktischen Aufbereitung für Hochschullehre und Bildung für nachhaltige Entwicklung überhaupt. Was genau ist Storytelling angesichts der Herausforderung globaler Umweltkrisen und wissenschaftlicher Lösungssuche? Welche Rolle können Erzählpraktiken in akademischen wie gesellschaftlichen Debatten über technologische Innovation, Lebensstilreform und nachhaltige Entwicklung spielen? Birgt Storytelling Risiken? Sollten Wissenschaftler* innen tatsächlich mehr Geschichten erzählen? Der Artikel unternimmt eine kritische Einordnung und skizziert Erwartungen an die Adresse der Wissenschaftspraxis und Hochschullehre.
| Marej, Katarina | Professur für Methoden und Sozialstrukturanalyse (Prof. Weischer) |