„Lex orandi lex credendi“ und die Liturgie zur Auslöschung des unauslöschlichen Prägemals der Ordination [Lex orandi, !ex credendi and the liturgy to erase the inde!ible mark of ordination]

Leonhard, Clemens

Forschungsartikel (Zeitschrift) | Peer reviewed

Zusammenfassung

Im Hochmittelalter werden in der lateinischen Kirche Rituale zur Degradierung von Klerikern erstellt. Kleriker, die nach Ansicht kirchlicher Autoritäten (zum Beispiel wegen der Fälschung bischöflicher Urkunden oder als Häretiker) gefoltert und getötet werden sollen, sind der geistlichen Gerichtsbarkeit unterworfen, die keine Todesurteile fällen und vollziehen kann. Die Zugehörigkeit zum Klerus wird nicht als Recht, sondern als durch die Ordination verliehenes geistiges Prägemal verstanden. Die Degradierung wird daher nicht nur schriftlich mitgeteilt, sondern analog zur Ordination durch Rituale vollzogen. Zur selben Zeit entfaltet die Theologie die Vorstellung, dass das Prägemal der Ordination unauslöschlich ist. Dass die Liturgie und die Lehre der Kirche einander in diesem Fall direkt widersprechen, haben Zeitgenossen und Zeitgenossinnen gesehen und in verschiedener Form zur Sprache gebracht (kirchenrechtliche Diskussionen, polemische Flugblätter, mystische Visionen). Die Degradierungsrituale wurden bis ins 17. Jahrhundert in spektakulären Fällen eingesetzt und gerieten dann außer Übung. Sie wurden allerdings bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als Teil offizieller römischer Bücher für die bischöfliche Liturgie nachgedruckt. Die Degradierungsrituale, ihr Entstehungskontext, ihr praktischer Einsatz und ihre gelehrte und mystische Interpretation bezeugen, dass der Grundsatz einer Übereinstimmung zwischen der Liturgie und der Lehre der Kirche (lex orandi lex credendi) normativ und nicht deskriptiv ist. Liturgische Praxis und Theorie auf der einen Seite und theologische Vorstellungen auf der anderen Seite sollen Gemeinsamkeiten haben. Das Studium der Degradierungsrituale für Kleriker zeigt aber, dass Liturgie und Theologie zufällig, nicht aber immer und daher nicht notwendig übereinstimmen.

Details zur Publikation

FachzeitschriftArchiv fur Liturgiewissenschaft
Jahrgang / Bandnr. / Volume65
Seitenbereich70-106
StatusVeröffentlicht
Veröffentlichungsjahr2026 (27.01.2026)
StichwörterLiturgie; liturgy; Ritual; Degradierung; Degradation; Kleriker; clreics; deposition; character indelebilis; Francesca Romana; kirchliche Hierarchie; ecclesiastical hirarchy; Pontificale Romanum; Roman Pontifical; römisches Pontifikale; Prosper von Aquiantien; Prosper of Aquitaine;

Autor*innen der Universität Münster

Leonhard, Clemens
Professur für Liturgiewissenschaft (Prof. Leonhard)